Im Laufe der Geschichte haben sich Künstler mit der unmöglichen Aufgabe auseinandergesetzt, das Formlose darzustellen, die Leere zu visualisieren und dem Chaos eine Gestalt zu geben. Von antiker kosmologischer Bildsprache bis zu zeitgenössischen Installationen wird die Kunst zum Spiegel, in dem die Menschheit den Abgrund betrachtet.
Antike Visionen der Leere
Mesopotamische Chaoswasser
Die altmesopotamische Kunst stellte Tiamat dar, den uranfänglichen Chaosdrachen der Salzwasser, deren Körper gespalten wurde, um Himmel und Erde zu formen. Rollsiegel und Tempelreliefs zeigen den kosmischen Kampf zwischen Ordnung und Chaos – Marduk erschlägt Tiamat, um aus ihrem chaotischen Körper den geordneten Kosmos zu erschaffen.
Als droben die Himmel noch nicht benannt waren, drunten die Erde noch keinen Namen trug, da war nur Apsu, der Uranfängliche, ihr Erzeuger, und Tiamat, die Gebärerin aller, ihre Wasser vermischend zu einem einzigen Körper.— Enuma Elisch, Babylonisches Schöpfungsepos
Mittelalterliche Buchmalerei
Mittelalterliche illuminierte Handschriften stellten den Augenblick vor der Schöpfung mit eindrucksvollen visuellen Strategien dar:
- Goldhintergründe: Repräsentation des göttlichen Lichts vor der Trennung
- Dunkle Leeren: Das Tohu wa-Bohu als formlose Finsternis dargestellt
- Kreisförmige Kompositionen: Der Kosmos, der aus der uranfänglichen Sphäre hervorgeht
- Geschichtete Himmel: Ordnung, die schrittweise aus dem Chaos entsteht
Modernistische Konfrontationen mit der Leere
Malewitschs Schwarzes Quadrat
1915 stellte Kasimir Malewitsch sein Schwarzes Quadrat aus – ein einfaches schwarzes Quadrat auf weißem Grund, das zu einem der radikalsten Kunstwerke der Geschichte wurde. Malewitsch nannte es 'die Null der Form', ein visuelles Tohu wa-Bohu:
Ich habe mich in die Null der Form verwandelt und mich aus dem muffigen Sumpf der akademischen Kunst herausgefischt. Ich habe den Ring des Horizonts zerstört und bin dem Kreis der Dinge entkommen.— Kasimir Malewitsch, 1915
Das Schwarze Quadrat stellt nicht bloße Leere dar, sondern die schwangere Leere, aus der alle Formen hervorgehen – eine visuelle Meditation über den Augenblick vor der Schöpfung.
Rothkos Farbfelder
Mark Rothkos riesige Leinwände mit schwebenden Farbrechtecken schaffen Räume zur Kontemplation des Unendlichen. Seine späten Werke, zunehmend dunkel, nähern sich der Leere direkt. Betrachter berichten oft von Erfahrungen der Auflösung, Transzendenz und Konfrontation mit dem Unsagbaren.
Mich interessiert nur der Ausdruck grundlegender menschlicher Emotionen – Tragödie, Ekstase, Verhängnis und so weiter. Und die Tatsache, dass viele Menschen zusammenbrechen und weinen, wenn sie mit meinen Bildern konfrontiert werden, zeigt, dass ich diese grundlegenden menschlichen Emotionen vermittle... Die Menschen, die vor meinen Bildern weinen, haben dieselbe religiöse Erfahrung, die ich beim Malen hatte.— Mark Rothko
Konzeptkunst: Das Nichts ausstellen
Yves Kleins Leere
1958 präsentierte Yves Klein 'Le Vide' (Die Leere) – eine völlig weiß gestrichene leere Galerie. Besucher kamen, erwarteten Kunst und fanden... nichts. Oder vielmehr fanden sie 'die malerische Sensibilität im rohen Zustand':
Der blaue Himmel ist mein erstes Kunstwerk.— Yves Klein
Kleins Geste verwandelte die Galerie selbst in Tohu wa-Bohu – einen Raum reinen Potenzials, in dem das Immaterielle zum Gegenstand der Kunst wird.
Anish Kapoors Leeren
Der zeitgenössische Bildhauer Anish Kapoor schafft Werke, die Licht und Raum zu verschlucken scheinen. Seine Verwendung von Vantablack – einem Material, das 99,965% des sichtbaren Lichts absorbiert – erzeugt Löcher in der visuellen Realität:
- Descent into Limbo: Ein scheinbar bodenloses Loch, in das Besucher gefallen sind, weil sie die Leere für den Boden hielten
- Void-Skulpturen: Konkave Formen, die unendliche Dunkelheit zu enthalten scheinen
- Cloud Gate: Eine reflektierende Leere, die die Realität verzerrt und vervielfältigt
Licht und die Leere
James Turrells Wahrnehmungszellen
James Turrell schafft Installationen, die Licht selbst als Medium nutzen und Erfahrungen von Formlosigkeit und Auflösung erzeugen. Seine Ganzfeld-Werke – Kammern aus gleichmäßigem Licht ohne Kanten oder Schatten – induzieren einen Zustand reiner Wahrnehmung, der an die Leere vor der Schöpfung erinnert:
Ich möchte eine Erfahrung wortlosen Denkens schaffen... 'sich selbst sehen zu sehen' – den Betrachter auf die Wahrnehmung selbst aufmerksam machen, in einem Raum, der keine Form hat.— James Turrell
Musik: Der Klang der Stille
John Cages 4'33"
1952 komponierte John Cage 4'33" – vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden Stille. Der Interpret sitzt am Klavier, ohne eine einzige Note zu spielen. Doch dies ist keine Abwesenheit, sondern Anwesenheit – das Publikum hört sich selbst, den Raum, die Welt:
Es gibt keinen leeren Raum oder leere Zeit. Es gibt immer etwas zu sehen, etwas zu hören. Tatsächlich können wir, so sehr wir es auch versuchen, keine Stille erzeugen.— John Cage
Cages Stille wird zum musikalischen Äquivalent von Tohu wa-Bohu – der formlosen Grundlage, aus der alle Klänge hervorgehen und zu der sie zurückkehren.
Ambient- und Dronemusik
Zeitgenössische Ambientmusik erforscht klangliche Leeren und formlose Klanglandschaften:
- Brian Eno: Schuf 'Ambient Music' als klanglichen Raum statt strukturierter Komposition
- Éliane Radigue: Langform-Drone-Werke, die zeitliche Grenzen auflösen
- Stars of the Lid: Gitarren-Drones, die sich dem Unendlichen nähern
- Pauline Oliveros: 'Deep Listening' als Meditation über die klangliche Leere
Das Formlose in der zeitgenössischen Kunst
Die zeitgenössische Kunsttheorie, insbesondere durch das Konzept des 'l'informe' (das Formlose) von Rosalind Krauss und Yve-Alain Bois, identifiziert eine beharrliche künstlerische Strategie des Aufhebens von Kategorien:
- Horizontalität: Werke, die sich der vertikalen Transzendenz widersetzen
- Niederer Materialismus: Kunst, die Verfall und Entropie umarmt
- Puls: Rhythmen, die feste Strukturen auflösen
- Entropie: Künstlerische Prozesse der Auflösung und Zerstreuung
Kunst stellt Tohu wa-Bohu nicht nur dar – sie vollzieht es. Durch die Leere der Leinwand, die Stille des Konzertsaals und die Dunkelheit der Installation schaffen Künstler Räume, in denen Betrachter dem Formlosen direkt begegnen können. In diesen Begegnungen entdecken wir, dass die Leere nicht leer, sondern unendlich generativ ist – die ewige Quelle, aus der alle Schöpfung entspringt.