וְהָאָ֗רֶץ הָיְתָ֥ה תֹ֙הוּ֙ וָבֹ֔הוּ וְחֹ֖שֶׁךְ עַל־פְּנֵ֣י תְה֑וֹם
"Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über der Tiefe."
— 1. Mose 1,2
Der uranfängliche Zustand
Vor der Schöpfung, vor der Ordnung, vor dem Licht – da war Tohu wa-Bohu. Diese beiden hebräischen Wörter, die nur in Genesis 1,2 gemeinsam vorkommen, beschreiben den uranfänglichen Zustand der Erde, bevor Gottes schöpferisches Wort Ordnung und Leben hervorbrachte.
Etymologie und Bedeutung
Tohu (תֹהוּ) deutet auf Leere, Formlosigkeit oder Verwirrung hin. Es kommt zwanzigmal in der hebräischen Bibel vor und beschreibt oft öde Wüsten oder Zustände der Verwirrung und Unwirklichkeit.
Bohu (בֹהוּ) ist noch geheimnisvoller und kommt nur dreimal in der Schrift vor, immer zusammen mit Tohu. Es verstärkt das Gefühl der Leere und deutet auf einen leeren Raum oder ein Vakuum hin.
Zusammen zeichnen sie ein Bild des völligen Chaos – nicht nur die Abwesenheit von Ordnung, sondern ein aktiver Zustand der Verwirrung und Formlosigkeit, der göttliches Eingreifen erfordert, um verwandelt zu werden.
Theologische Bedeutung
- Göttliche Souveränität: Nur Gott kann Ordnung aus dem Chaos schaffen und demonstriert so seine höchste Macht über die Schöpfung.
- Schöpfung aus dem Nichts (Creatio ex nihilo): Obwohl umstritten, sehen viele in Tohu wa-Bohu eine Stütze für die Schöpfung aus dem Nichts, wobei das Chaos selbst als Gottes erste Schöpfung gilt.
- Andauernde Schöpfung: Die Verwandlung vom Chaos zum Kosmos wird zu einem Paradigma für Gottes fortwährendes Wirken in der Welt und im Leben der Menschen.
Rabbinische Interpretationen
"Tohu ist eine grüne Linie, die die ganze Welt umgibt, aus der die Finsternis hervorgeht. Bohu bezieht sich auf die glatten Steine, die in den Tiefen versunken sind, aus denen das Wasser hervorgeht."— Talmud, Chagiga 12a
Der Zohar sieht Tohu wa-Bohu als notwendige Stufen der Schöpfung, wobei Tohu den anfänglichen göttlichen Gedanken und Bohu den Beginn seiner Manifestation darstellt.
Vom Chaos zur Schöpfung
Die Bewegung von Tohu wa-Bohu zur geordneten Schöpfung folgt einem bewussten Muster:
- Trennung: Licht von der Finsternis, Wasser oben von Wasser unten
- Sammlung: Wasser sammelte sich, um trockenes Land freizulegen
- Füllung: Die leeren Räume wurden mit Leben gefüllt
- Segen: Die Schöpfung wurde für gut befunden und gesegnet
Dieses Muster wird zu einer Vorlage für das Verständnis, wie Gott weiterhin in der Welt wirkt und Ordnung aus dem Chaos, Sinn aus der Verwirrung und Leben aus der Leere schafft.
"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war Tohu wa-Bohu... Und Gott sprach: 'Es werde Licht', und es ward Licht."
Der erste göttliche Akt verwandelt das uranfängliche Chaos durch die Kraft des gesprochenen Wortes.