Das Urchaos in der Weltmythologie

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Lange bevor hebräische Schreiber von tohu wa-bohu schrieben—der formlosen Leere, über der Gottes Geist schwebte—rangen andere antike Kulturen mit derselben tiefgreifenden Frage: Was existierte vor der Existenz selbst? Ihre Antworten hallen bemerkenswert über Jahrtausende und Kontinente hinweg.

Das griechische Chaos: Ein gähnender Abgrund

In Hesiods Theogonie, verfasst um 700 v. Chr., begegnen wir einem der frühesten systematischen Schöpfungsberichte der westlichen Literatur. Seine Eingangsworte haben durch die Philosophie bis heute nachgehallt:

„Am Anfang entstand das Chaos."

Doch was war dieses Chaos? Das griechische Wort kháos (χάος) bedeutete ursprünglich nicht Unordnung oder Verwirrung—diese Bedeutung kam später. Stattdessen bezeichnete es einen „gähnenden Abgrund", eine klaffende Leere, einen urzeitlichen Schlund reiner Möglichkeit.

Aus dieser Leere entstanden Gaia (die Erde), Tartaros (die Unterwelt) und Eros (die Liebe). Das Chaos gebar auch Erebos (die Finsternis) und Nyx (die Nacht). Beachte das Muster: Aus Formlosigkeit entsteht Form, aus dem Nichts entsteht Etwas, aus der Leere entstehen die Bedingungen für Existenz.

Die griechische Vorstellung ist bemerkenswert gewaltfrei. Das Chaos kämpft nicht und widersteht nicht—es ist einfach, und aus seinem Sein entstehen andere Wesen.

Das nordische Ginnungagap: Die gewaltige Kluft

Der nordische Schöpfungsmythos, überliefert in der Prosa-Edda und der Lieder-Edda, präsentiert eine auffallend ähnliche und doch eigenständige Vision. Bevor die Welt existierte, gab es Ginnungagap—oft übersetzt als „gähnende Kluft" oder „mächtige Leere".

Doch anders als das griechische Chaos war Ginnungagap nicht allein. Es existierte zwischen zwei urzeitlichen Reichen: Niflheim, der Welt aus Eis und Nebel im Norden, und Muspelheim, der Welt aus Feuer und Hitze im Süden.

Dort, wo der Frost Niflheims auf die Flammen Muspelheims in der großen Leere traf, geschah etwas Außergewöhnliches: Das Eis begann zu schmelzen, und aus jenen urzeitlichen Tropfen entstand Ymir, das erste Wesen—ein Urriese.

Die Götter Odin, Vili und Vé erschlugen schließlich Ymir und formten die Welt aus seinem Körper:

  • Sein Fleisch wurde zur Erde
  • Sein Blut wurde zu den Meeren
  • Seine Knochen wurden zu den Bergen
  • Sein Schädel wurde zum Himmel

Hier sehen wir einen entscheidenden Unterschied: Schöpfung durch Opfer, durch die Zerstückelung des Urwesens. Die Leere ist nicht nur Quelle, sondern Bühne für kosmische Gewalt und Verwandlung.

Die babylonische Tiamat: Chaos als Drache

Der vielleicht älteste überlieferte Schöpfungsmythos stammt aus dem alten Mesopotamien. Das Enūma Eliš, verfasst um 1100 v. Chr., aber auf weit älteren Überlieferungen beruhend, stellt das Chaos nicht als abstrakte Leere dar, sondern als lebendiges, furchteinflößendes Wesen: Tiamat.

Tiamat war die Urgöttin des Salzwassermeeres, oft als monströser Drache oder Schlange dargestellt. Zusammen mit ihrem Gefährten Apsu (der Süßwassertiefe) existierte sie vor allen Dingen. Aus der Vermischung ihrer Gewässer wurden die ersten Götter geboren.

Doch als die jüngeren Götter lärmend und störend wurden, brach ein Konflikt aus. Nachdem Apsu getötet worden war, gebar Tiamat—vor Zorn rasend—eine Armee von Monstern und Drachen, um Krieg gegen die Götter zu führen.

Der junge Sturmgott Marduk erhob sich, um sie herauszufordern. In ihrem kosmischen Kampf erschlug er Tiamat und spaltete ihren Körper in zwei Teile:

„Er spaltete sie wie eine Muschel in zwei Teile: die eine Hälfte stellte er auf und wölbte sie zum Himmel."

Ihre obere Hälfte wurde zum Himmel, ihre untere zur Erde. Ihre Augen wurden zu den Quellen von Tigris und Euphrat.

Das Muster hinter den Mythen

Über diese Traditionen hinweg finden wir wiederkehrende Themen:

Die Leere geht der Schöpfung voraus. Ob Chaos, Ginnungagap oder die Urgewässer genannt—etwas—oder nichts—existiert vor der geordneten Welt.

Schöpfung entsteht aus oder durch das Chaos. Die Leere ist nicht bloß leer; sie ist zeugungskräftig, schwanger mit Möglichkeiten.

Ordnung erfordert Kampf. Besonders in den nordischen und babylonischen Mythen wird der Kosmos durch Gewalt geboren—die Tötung Ymirs, die Bezwingung Tiamats. Schöpfung ist nicht friedlich, sondern umkämpft.

Das Urzeitliche überlebt in der Gegenwart. Das Chaos wird nicht beseitigt, sondern verwandelt. Das Meer, das Tiamat war, umgibt noch immer die Erde. Die Leere, die Ginnungagap war, hallt noch in den Räumen zwischen den Welten nach.

Tohu wa-Bohu im Kontext

Wenn wir Genesis 1,2 lesen—„die Erde war tohu wa-bohu, und Finsternis lag über der Tiefe"—hören wir Echos dieser antiken Stimmen. Das hebräische tehom (Tiefe) könnte sogar sprachlich mit Tiamat verwandt sein.

Doch der hebräische Bericht unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt: Es gibt keinen Kampf, keine Gewalt, kein kosmisches Ringen. Gott spricht, und es geschieht. Das Chaos von tohu wa-bohu ist kein zu besiegender Feind, sondern eine Leinwand, die auf die Hand des Künstlers wartet.

Vielleicht ist dies die tiefgründigste Meditation über das Chaos: Es ist nichts, was man fürchten oder bekämpfen muss, sondern der Grund selbst, aus dem alle Schöpfung entspringt. Bevor es Form geben kann, muss es Formlosigkeit geben. Vor der Ordnung die Leere. Vor dem Wort die Stille.

Die Leere ist nicht die Abwesenheit von Bedeutung—sie ist die erste Bedingung von Bedeutung.

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